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Ich habe meine Jahresreviews der letzten Jahre gelesen und gemerkt: Ich funktioniere sehr gut mit Verantwortung. Aber wenn ich nicht aufpasse, wird aus Verantwortung schnell Übernahme.

Das klingt banal. Ist es aber nicht.

Weil „Übernahme“ selten wie ein dramatischer Bruch daherkommt. Sie sieht eher aus wie Kompetenz.

Wie Verlässlichkeit. Wie „ich mach das schnell“. Wie „ich hab’s im Blick“. Wie „lass mich kurz“.

Und ehe man es merkt, ist Verantwortung nicht mehr eine Rolle, sondern ein Zustand.

Ich habe das Muster erst gesehen, als ich es über mehrere Jahre nebeneinandergelegt habe. Nicht als moralisches Urteil, eher wie eine nüchterne Auswertung:

  • In Phasen mit Unsicherheit steigt bei mir die Neigung, mehr zu strukturieren.
  • Gleichzeitig steigt die Bereitschaft, zusätzliche Verantwortung zu übernehmen.
  • Kurzfristig fühlt sich das gut an, weil es Handlungsfähigkeit erzeugt.
  • Langfristig entstehen „offene Schleifen“. Zu viele. Zu gleichzeitig. Zu diffus.

Und genau da sitzt das Problem: Offene Schleifen sind selten sichtbar.

Sie sind nicht „Aufgaben“. Sie sind eher ein inneres Abo.

Ein Stück Aufmerksamkeit, das dauerhaft gebunden ist.

2026 wird für mich ein Jahr mit mehreren Feldern, die wichtig sind, und die sehr leicht ineinanderlaufen können, wenn man nicht sauber begrenzt:

  • Gesundheit
  • Familie/Haus
  • Jobsuche
  • Side Business (mit Nachfolge-Thema + Weiterbildung, bewusst begrenzt)
  • Ehrenamt

Und ja: Admin/Finanzen laufen als Routine im Familienbereich mit. Soziale Kontakte eher als Ressource im Gesundheitsbereich. Ohne dass ich daraus ein weiteres „Projekt“ mache.

Der Punkt ist nicht, dass diese Bereiche „zu viel“ sind.

Der Punkt ist: Ohne klares Betriebssystem werden sie zu einer unsichtbaren Gesamtverantwortung.

Und ich habe keine Lust mehr auf Totalverantwortung als Grundmodus.

Mein Leitmotiv für 2026 lautet deshalb:

Wirksamkeit ohne Totalverantwortung

Ich will Dinge bewegen. Wirklich.

Aber ich will nicht mehr, dass Wirksamkeit über „mehr ziehen“ entsteht.

Nicht über Überplanung. Nicht über Selbstüberredung. Nicht über das stille Aufrüsten der eigenen Kapazität.

Ich habe in den letzten Jahren oft gedacht: „Ich brauche ein besseres System.“

Und meinte damit meistens: ein präziseres System, ein detaillierteres System, ein „noch ein Template“-System.

Die Jahresreviews haben mir etwas anderes gezeigt:

Mein Engpass ist nicht Planung. Mein Engpass ist Begrenzung.

Nicht „Wie bekomme ich das alles unter?“

Sondern: „Was bleibt bewusst draußen?“

Das klingt hart. Ist aber in Wirklichkeit eine Form von Respekt:

Respekt vor Zeit. Vor Energie. Vor Beziehungen. Vor dem eigenen Fokus.

Und, ehrlich gesagt, auch Respekt vor dem Satz, den viele kennen, aber selten wirklich ernst nehmen:

Wenn alles wichtig ist, ist nichts klar.

Was ich daraus gelernt habe

Ich brauche kein System, das mehr Administration erzeugt.

Ich brauche ein System, das mir Stop-Regeln gibt.

Nicht als Selbstoptimierung, sondern als Schutz vor dem Moment, in dem Verantwortung unbemerkt expandiert.

Denn Expansion passiert selten durch große Entscheidungen.

Sie passiert durch kleine, plausible Sätze:

  • „Das klär ich schnell.“
  • „Ich kümmer mich kurz.“
  • „Ich spring da ein.“
  • „Ist ja nur vorübergehend.“
  • „Dann ist es wenigstens ordentlich gemacht.“

Und irgendwann merkt man: Man hat nicht Aufgaben gesammelt, sondern Zuständigkeiten.

Für 2026 wollte ich deshalb ein Operating System, das drei Dinge kann:

  1. mich wirksam halten,
  2. ohne mich zu überplanen,
  3. und ohne dass Verantwortung sich heimlich ausdehnt.

Das 2026-Operating-System: weniger vermessen, besser begrenzen

Vorweg: Ich mache kein Zeittracking. Keine Zeitbudgets. Keine minutiösen Pläne.

Nicht, weil Zeit unwichtig wäre.

Sondern weil ich bei mir beobachtet habe: Je mehr ich Zeit „vermessen“ will, desto eher rutsche ich wieder in Kontrolle als Ersatz für Klarheit.

Stattdessen arbeite ich mit wenigen, groben Leitplanken.

Und mit Regeln, die vor allem eines leisten: Sie verhindern, dass Neues in das System drückt, ohne dass etwas anderes rausgeht.

Die Kernprinzipien (wirklich nur die, die zählen) sind diese:

  • WIP-Limits statt Zeitbudgets: 3 aktive Projekte gleichzeitig. Und im Ehrenamt max. 2 aktive Rollen. Optional als Zusatzregel: max. 2 „offene Konflikte/Themen“ gleichzeitig, weil auch das Kapazität frisst.
  • Containern statt Minuten zählen: wenige grobe Blöcke (z. B. „Fokus“, „Routine“, „Menschen“, „Haushalt“), damit Planung nicht zum zweiten Job wird.
  • Wöchentliches Verantwortungsbudget „3+1“: 3 Commitments, das sind die einzigen Dinge, die diese Woche „müssen“. Plus 1 Joker als Puffer.
  • Stop-Regel: Kein neues Commitment, bevor ein bestehendes abgeschlossen oder bewusst gestrichen Nicht verschoben, nicht „parken mit Schuldgefühl“, sondern klar entschieden.
  • Joker-Regel: Standardmäßig ist der Joker Puffer. Wenn er bis Mittwoch 18:00 ungenutzt bleibt, darf er für Regeneration oder „Bock“ genutzt werden, eine Sache, klares Ende. Wenn der Joker genutzt wurde: diese Woche nichts Neues starten (außer Baseline).
  • Baseline ist Hygiene, nicht Leistung: Baseline zählt nicht als Commitment. Sie ist Stabilität. (Mini-Check-in, Bewegung, ein großer Regenerationsblock/„Deep Play“.) Baseline ist kein Projekt und wird nicht „hochoptimiert“.

Das sieht auf den ersten Blick simpel aus. Und genau darum geht’s.

Weil Komplexität für mich zu oft ein Einfallstor war: „Wenn ich es nur detailliert genug baue, wird es sich gut anfühlen.“

Tut es kurzfristig. Langfristig wird es ein Käfig.

Dieses System ist eher ein Zaun als ein Uhrwerk.

Es ist dafür da, die Fläche zu markieren, in der ich mich sinnvoll bewegen kann.

Das Review-System: Rhythmus statt Dauerdruck

Ich habe mir die Reviews nicht „neuerfunden“. Ich habe sie harmonisiert.

Nicht mehr jede Woche ein neues Ritual.

Sondern ein klarer Takt, der die Stop-Regeln trägt und nicht untergräbt.

Daily (kurz):
Ein Mini-Check-in. 1 Next Step. Und eine Obergrenze.
Nicht „Was schaffe ich alles?“, sondern: „Was ist der nächste saubere Schritt, und wo ist Schluss?“

Weekly (Freitag):
Review + Planung mit den immer gleichen Fragen:
3+1, steht das?
WIP, bin ich über Limit?
Stop-Regeln, was muss raus, bevor etwas rein darf?
Baseline, wo habe ich sie zu „nice to have“ degradiert?

Monthly:
Kapazität („Hard Landscape“) + Portfolio-Review: aktivieren / fortführen / schließen / parken.
Hier wird entschieden, ob Projekte wirklich Projekte bleiben, oder ob sie längst nur noch diffuse Verpflichtung sind.

Quarterly:
Stop / Start / Continue, plus Kurscheck gegen das Leitmotiv:
Erzeugt das Wirksamkeit ohne Totalverantwortung? Oder nur Aktivität mit Verantwortungsüberhang?

Der Unterschied: Dieses Review-System ist nicht dafür da, „mehr rauszuholen“.

Es ist dafür da, rechtzeitig zu merken, wann ich wieder beginne, Verantwortung zu übernehmen statt sie zu tragen.

Das klingt semantisch. Ist aber praktisch.

Tragen heißt: begrenzt, bewusst, mit klaren Enden.
Übernehmen heißt: implizit, endlos, mit offenen Schleifen.

GTD-Klarheit: Was ist ein Projekt, und was ist nur Betrieb?

Ein weiterer Teil meines Jahresreview-Musters war: Ich habe Dinge als „Projekte“ behandelt, die eigentlich Kapazität sind.

Ein Beispiel (abstrakt): Fixtermine.

Fixtermine sind nicht „Projekte“.

Sie sind Hard Landscape. Sie sind bereits verbauter Raum.

Wenn ich Fixtermine wie Projekte behandle, entsteht eine Doppelzählung:

Im Kopf ist es „noch zu tun“, im Kalender ist es aber schon „belegt“.

Das neue System trennt deshalb konsequent:

  • Kalender = Kapazität (nicht verhandelbar, nicht diskutiert, nur berücksichtigt)
  • Maintenance = Betrieb (läuft über Checklisten/Container, nicht über neue Projekte)
  • Projekte = Outcomes (nur, wenn klar ist, was „fertig“ bedeutet)
  • Someday/Maybe = bewusst parken (ohne inneres Abo)

Das ist nicht revolutionär. Aber es ist wirksam.

Weil Klarheit nicht die Abwesenheit von Aufgaben ist.

Klarheit ist die Abwesenheit von Kategorienfehlern.

Tool-agnostisch, aber konkret genug, um nicht Theorie zu bleiben

Ich habe das Ganze in meinem Task-Manager abgebildet, ohne Tool-Religion.

Listen pro Area of Focus, dazu Projektlisten.

Jedes Projekt startet nicht mit einer „Idee“, sondern mit einer Trigger-Aufgabe (der erste reale Schritt, der Bewegung erzeugt).

Die Review-Templates liegen als Textbausteine (z. B. TextExpander) und landen dann in einem Notiztool meiner Wahl.

Nicht, weil Tools das Problem lösen.

Sondern weil Reibung killt.

Wenn das Review „zu aufwendig“ wird, gewinnt wieder das alte Muster: mehr improvisieren, mehr übernehmen.

Ich will, dass das System so leicht ist, dass ich es nicht bewundern muss, sondern benutze.

Warum das für mich gerade jetzt wichtig ist

Ich glaube, viele von uns haben ein ähnliches Dilemma:

Wir sind gut in Verantwortung.

Und wir sind oft diejenigen, die Dinge zusammenhalten.

Das wird belohnt. Von außen. Und innerlich auch.

Weil es ein gutes Gefühl ist, wirksam zu sein.

Aber wenn Wirksamkeit dauerhaft an Totalverantwortung gekoppelt ist, passiert etwas Unangenehmes:

Man wird nicht nur „die Person, die liefert“.

Man wird die Person, die puffert.

Und Puffern ist heimtückisch: Es ist unsichtbar, bis es fehlt.

Und wenn es fehlt, wirkt es wie Versagen, obwohl es eigentlich nur das Ende eines ungesunden Modells ist.

Mein 2026-System ist deshalb kein Produktivitätssystem.

Es ist ein Verantwortungs-System.

Ein System, das mich daran erinnert, dass Begrenzung keine Schwäche ist, sondern Führung.

Erst recht, wenn mehrere Lebensbereiche gleichzeitig wichtig sind.

Und ja: Ich rechne damit, dass ich die Regeln breche.

Aber ich will sie brechen bewusst, nicht versehentlich.

Abschluss

Wenn ich mir für 2026 eine einzige Fähigkeit wünschen dürfte, dann diese:

Früher stoppen. Sauberer entscheiden. Und Wirksamkeit nicht mehr mit Übernahme verwechseln.

Nicht als Disziplin-Show.

Sondern als Haltung: Ich will beitragen, ohne mich heimlich zu verausgaben.

Kürzlich fand die „Internationale Lange Nacht der Macher“ statt. Ein wunderbares Event der Wirtschaftsjunioren Deutschland / JCI Germany, bei dem die Teilnehmenden wertvolle Tipps und Tricks mitnehmen – aber auch, mit etwas Gruppendruck, an lange aufgeschobenen Themen fokussiert arbeiten können.

Chaotische Welt vs. simple mind

Als einer der Speaker auf diesem Event habe ich von meinem Weg zu GTD erzählt. Es ist eine Geschichte der Gegensätze.

Ich halte mich für relativ gut darin, mich auf etwas zu fokussieren. Ist dieser Zustand erreicht, bin ich produktiv, komme gut voran. Das geht natürlich nicht nur mir so, aber es ist besonders stark ausgeprägt. Jede Stärke ist aber auch gleichzeitig eine Schwäche. Denn was bei mir besonders negativ wirkt, sind Unterbrechungen. Jede kleine Ablenkung wirft mich schnell aus der Bahn. Der Aufwand, dann wieder in den „Flow“ zu kommen, geschweige denn die verlorene Zeit aufzuholen, wird von Mal zu Mal größer.

Dementsprechend lag meine Karrierewahl auf der Hand. Forschung, Journalismus, irgendwas wo man sich tief in ein Thema hinein graben kann und fokussiert daran arbeitet. Das erschien mir erstrebenswert.

Manchmal kommt es anders als man denkt

Nun weiß jeder Leser meines Blogs, dass das Leben mich woanders hingeführt hat. Ich wurde, zunächst recht unfreiwillig, Unternehmer. 

In einem kleinem Betrieb wie meinem, mit zehn, 20 Menschen, bedeutet dieser Beruf das genaue Gegenteil meiner Präferenz. Man wird dauernd unterbrochen. Der eigene Fokus wird permanent abgelenkt und verändert. Menschen kommen durch die Tür und brauchen etwas, Kunden rufen an, die Themenvielfalt alleine im Bereich Management, geschweige denn in Leadership, ist immens groß.

Das klingt nicht nach einem guten Klima für mich. Und das war es auch eine Weile nicht.

Enter GTD

Das änderte sich, als ein Mitarbeiter (Danke, Boris!) mir das Buch „Getting Things Done“ (Affiliate Link) empfahl. 

Das wenig intuitive, aber sehr erfolgreiche Fazit: Gegen das Chaos der Welt hilft ein rigides System. Zumindest mir. 

GTD hat mir Prinzipien gezeigt, mit denen ich dem Chaos Herr werden kann. Die wichtigsten Konzepte sind dabei für mich eine globale Inbox (denn es kommt dauernd was neues rein, was Du nicht vergessen solltest) und die Weekly Review.

Diese beiden rahmen das restliche System ein. Ich habe anfangs sehr stark an den GTD-Prinzipien in Reinform festgehalten. Mittlerweile habe ich das durch das Time-Sector-System von Carl Pullein ergänzt und damit mein eigenes System für mich angepasst.

Ich kann aber definitiv sagen: Ohne dieses Buch wäre ich vermutlich in einer schön gepolsterten Zelle in einer sehr engen Jacke gelandet. Das ist noch nicht der Fall, also ist es ein voller Erfolg. Auch wenn die Arbeit an diesem System selbst ein nicht zu unterschätzender Brocken ist.

Es muss zu Dir passen

Was vielleicht, zum Schluss, noch wichtig ist, sind zwei Dinge:

  1. GTD lehrt Prinzipien. Ja, Du kannst es bis auf den Buchstaben befolgen, und zu Beginn ist das auch hilfreich. Aber wichtiger als eine exakte Kopie von David Allen ist das Verständnis der zugrundeliegenden Prinzipien. Dinge wie die schnelle und vollständige Dokumentation, die Entlastung des eigenen Kopfes, Kontexte, Areas of Focus und vieles mehr sind auch dann wertvoll, wenn man GTD nicht komplett anwendet.
  2. Jedes System muss zu Dir passen. Mit der Zeit merkst Du, was gut funktioniert, und wo es hakt. Eine Sache allerdings ist, zumindest für mich, egal wie man sich organisiert, wichtig: Vertraue niemals Deinem Hirn die Speicherung von Dingen an. Es ist einfach nicht gut dafür geeignet.

 

Bildquelle: Joujou  / pixelio.de

Hinweis: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links.