In Teil zwei meiner Serie (Teil eins findest Du hier), in der ich die Romanreihe Dune (Affiliate Link) als Modell für Themen der Unternehmensnachfolge nutze, geht es dieses Mal um ein häufig auftretendes Motiv: Den Messias.

Einstieg

Es gibt Übergaben, die klingen im Rückblick wie ein Kompliment und fühlen sich im Alltag wie eine Last an. Sätze wie „Du wirst das schon richten“ oder „Jetzt kommt endlich frischer Wind“ sind selten als Druck gemeint. Sie sollen Mut machen. Sie sollen Vertrauen ausdrücken. Und sie sind, leider, oft das Gegenteil von Entlastung.

Ich erinnere mich an diese frühe Phase, in der man mich gleichzeitig schonte und prüfte. Nach außen war die Erzählung schnell gesetzt. Der Neue übernimmt. Der Neue modernisiert. Der Neue löst, was lange liegen blieb. Innen spürte ich etwas anderes. Nicht Widerstand, eher Erwartung. Eine stille Wette darauf, dass ich Dinge kann, die andere nicht konnten oder nicht mehr konnten.

In der Organisation kam das als Hoffnung daher. In der Familie eher als Erleichterung. Und in mir als Mischung aus Pflicht und Trotz. Ich wollte beweisen, dass die Entscheidung richtig war. Ich wollte liefern. Ich wollte die Spannung im System senken.

Das Problem ist nicht der Wunsch nach Verbesserung. Das Problem ist die Rolle, die daraus entsteht. Sobald ein Nachfolger zum Rettungsversprechen wird, verändert sich die Nachfolge. Nicht juristisch, sondern psychologisch und politisch.

Das Dune-Prinzip

In Dune ist der Messias nicht nur eine Figur. Er ist eine Konstruktion, ein Systemeffekt. Eine Mischung aus Hoffnung, Angst und Legitimität, der Menschen ordnet, bevor er überhaupt handelt.

Der Messias-Mechanismus funktioniert, weil er mehrere Bedürfnisse gleichzeitig bedient. Er bietet Sinn, wo Unsicherheit ist. Er bietet Richtung, wo Ambivalenz herrscht. Und er bietet eine moralische Entlastung für die, die sich überfordert fühlen. Wenn jemand „gesandt“ ist, müssen andere weniger zweifeln. Sie können folgen, statt selbst zu tragen.

Das Entscheidende ist dabei nicht die Person, sondern die Dynamik.

Eine Gemeinschaft, die auf Erlösung wartet, delegiert Verantwortung. Nicht offiziell, aber faktisch. Sie verschiebt das Risiko der Entscheidung auf eine Figur, die sie gleichzeitig idealisiert und kontrolliert. Idealisiert, weil sie Hoffnung braucht. Kontrolliert, weil sie Angst hat, dass Hoffnung enttäuscht wird.

Daraus entsteht ein Paradox. Der Messias wird groß gemacht, damit er wirken kann. Und er wird festgelegt, damit er niemanden zu sehr erschüttert. Er soll mehr sein als ein Mensch, aber nicht zu frei.

Wenn sich diese Konstruktion einmal etabliert hat, zieht sie alles an. Konflikte, die vorher diffus waren, sammeln sich an der Figur. Widersprüche, die das System nicht aushält, werden in eine Person gepresst. Und jede Entscheidung bekommt eine zusätzliche Bedeutung. Nicht nur richtig oder falsch, sondern heilsam oder verräterisch.

So entsteht in Dune eine unheimliche Form von Macht. Eine Macht, die nicht aus Befehlen kommt, sondern aus Projektionen. Wer Projektionsfläche wird, gewinnt zunächst Reichweite. Und verliert dabei oft die Möglichkeit, normal zu handeln.

Das ist der Kern. Der Messias ist ein Beschleuniger. Für Hoffnung. Für Angst. Für Eskalation. Und für Schuld.

Übertragung auf Unternehmensnachfolge

In der Unternehmensnachfolge zeigt sich diese Dynamik oft in einer sehr bürgerlichen, sehr mittelständischen Form. Kein Kult, keine Fahnen. Eher ein kollektives Einatmen, endlich passiert etwas. Endlich übernimmt jemand, endlich wird es besser.

Diese Erwartung ist nachvollziehbar. Sie ist manchmal sogar berechtigt. Viele Unternehmen gehen in die Übergabe, nachdem Jahre lang zu viel getragen wurde. Zu viele Kompromisse, zu viele offenen Konflikte, zu viel Verschleiß. Der Vorgänger hat vielleicht lange ausgehalten, oder lange gezögert. Oder beides. Mitarbeitende haben gelernt, sich einzurichten. Kunden haben gelernt, Ausnahmen zu erwarten. Die Familie hat gelernt, bestimmte Themen zu meiden.

In diesem Zustand ist ein Nachfolger nicht nur ein neuer Geschäftsführer. Er ist eine Erzählung, die Spannung bindet.

Wie der Messias-Fehler entsteht

Der Messias-Fehler beginnt selten mit Größenwahn. Er beginnt mit Anständigkeit.

Der Nachfolger sieht ein erschöpftes System und denkt, er müsse entlasten. Er spürt die Hoffnungen und will sie nicht enttäuschen. Er kennt die Geschichte des Hauses und will ihr gerecht werden. Er will zeigen, dass die Übergabe richtig war. Er will, dass Ruhe einkehrt.

Das sind keine schlechten Motive. Sie sind menschlich. Und sie sind gefährlich, sobald sie sich mit einer impliziten Erwartung verknüpfen, die niemand sauber ausspricht.

„Du machst das besser als ich“ kann Anerkennung sein. Es kann aber auch eine Abkürzung sein. Eine Art symbolischer Entlastungsvertrag. Der Vorgänger darf sich erleichtert zurücklehnen, ohne die letzte Verantwortung innerlich zu lösen. Die Familie darf hoffen, ohne sich mit ihren eigenen Anteilen an Konflikten zu beschäftigen. Die Organisation darf warten, statt selbst umzubauen.

Der Nachfolger nimmt diese Abkürzung oft an, ohne es zu merken. Er übernimmt nicht nur die Rolle, sondern auch die Sinnlast.

Die Sinnlast ist schwerer als die Ergebnislast

Ergebnislast lässt sich messen. Umsatz, Marge, Liquidität, Lieferfähigkeit. Sinnlast ist subtiler. Sie besteht aus Sätzen, Blicken, Anspielungen. Aus dem ständigen Gefühl, dass eine Entscheidung mehr bedeutet, als sie sachlich ist.

Ein Investitionsstopp ist dann nicht nur ein Investitionsstopp. Er ist ein Urteil über die Vergangenheit. Eine neue Führungsstruktur ist nicht nur Organisation. Sie ist ein Kommentar auf Loyalität. Eine Trennung von einem langjährigen Mitarbeiter ist nicht nur Personal. Sie ist ein Angriff auf ein Familiengefühl.

Wer in dieser Sinnlast arbeitet, verliert irgendwann die Fähigkeit, normal zu priorisieren. Alles wird groß. Alles wird symbolisch. Alles zieht Kreise.

Und genau hier kippt der Messias-Mechanismus in die Überforderung. Der Nachfolger versucht, das System zu beruhigen, indem er noch mehr trägt. Er beantwortet mehr Fragen, macht mehr Meetings, erklärt mehr Entscheidungen, übernimmt mehr Konflikte. Es fühlt sich an wie Führung. Es ist oft ein Übernehmen von Lasten, die das System eigentlich selbst tragen müsste.

Der stille Deal, der nie unterschrieben wurde

In vielen Übergaben gibt es einen unausgesprochenen Deal.

Der Nachfolger liefert Zukunft.

Dafür bekommt er Legitimität.

Das klingt fair, ist aber ein Tauschhandel mit eingebauter Eskalation. Denn Legitimität entsteht nicht aus einem Deliverable. Sie entsteht aus Beziehung und Konsistenz. Wer Legitimität an Leistung koppelt, muss ununterbrochen Leistung beweisen. Und wer das tut, verliert die Luft für Fehler, für Lernen, für Korrektur.

In einem stabilen System ist das schon heikel. Im Übergang ist es toxisch.

Der Nachfolger wird zum Projekt. Die Familie beobachtet. Die zweite Ebene beobachtet. Die Organisation beobachtet. Jede Verzögerung wird zum Zeichen, dass „es doch nicht klappt“. Jede Entscheidung wird zur Prüfung.

Gleichzeitig halten sich andere zurück. Nicht aus Bosheit, sondern aus Entlastung. Man hat ja jemanden, der es richtet. Und wenn es nicht klappt, hat man auch jemanden, dem man es zuschreiben kann.

Das ist der Messias-Fehler im Kern. Ein System, das sich über eine Person entlastet, verhindert, dass es selbst erwachsen wird.

Warum diese Dynamik den Vorgänger nicht zum Täter macht

Es wäre zu einfach, das als Manipulation zu lesen. In der Regel ist es keine.

Viele Vorgänger sind innerlich ambivalent. Sie wollen loslassen, aber nicht verschwinden. Sie wünschen dem Nachfolger Erfolg, aber sie verlieren damit auch ihre letzte Sicherheit, gebraucht zu werden. Sie haben über Jahrzehnte eine Identität aufgebaut, die am Unternehmen hängt. Und sie wissen oft sehr genau, was alles schiefgehen kann.

Wenn dann ein Nachfolger kommt, der stark wirkt, entsteht Erleichterung. Diese Erleichterung sucht Worte. Und die Worte werden schnell groß.

Das ist menschlich. Es ist nicht bösartig. Es ist nur gefährlich, wenn der Nachfolger sie wörtlich nimmt.

Ich habe das bei mir selbst erst spät verstanden. Ich habe lange geglaubt, dass Dankbarkeit heißt, Erwartungen zu erfüllen. Dass Loyalität heißt, die Spannung zu schlucken. Dass Stärke heißt, alles zu können.

In Wahrheit war das ein Missverständnis über Verantwortung. Verantwortung heißt nicht, alles zu tragen. Verantwortung heißt, die Lasten dort zu belassen, wo sie hingehören, auch wenn das zunächst unruhiger ist.

Der Preis der Retterrolle

Die Retterrolle hat einen kurzfristigen Vorteil. Sie stabilisiert den Übergang nach außen. Banken hören das gern. Kunden hören das gern. Mitarbeitende atmen auf. Es fühlt sich nach Führung an, wenn jemand in die Lücke springt.

Der Preis zeigt sich später.

Erstens entsteht eine ungesunde Abhängigkeit. Wenn alles über eine Person läuft, wird diese Person zum Engpass. Die Organisation wird nicht handlungsfähiger, sie wird passiver.

Zweitens wird der Nachfolger emotional erpressbar, ohne dass jemand erpresst. Jede Grenzziehung wirkt wie Enttäuschung. Jede Normalisierung wirkt wie Rückzug. Man wird nicht mehr an Entscheidungen gemessen, sondern an der Stimmung, die man produziert.

Drittens wird Lernen unmöglich. Nachfolge ist in Wahrheit eine Lernphase. Wer als Retter einzieht, darf nicht lernen. Er muss können.

Und viertens wird Konflikt verschoben. Themen, die eigentlich zwischen Familie und Unternehmen oder zwischen Abteilungen liegen, werden in die Person des Nachfolgers gezogen. Dort explodieren sie irgendwann.

Das sieht dann von außen aus wie persönliches Versagen oder wie Generationskonflikt. Innen war es eine falsche Rollenarchitektur.

Was stattdessen trägt, ohne belehrend zu werden

Es gibt in Übergaben einen Moment, in dem der Nachfolger spüren muss, dass er nicht als Erlösung kommt, sondern als Teil eines Systems, das sich neu sortieren muss. Das ist entlastend.

Entlastend für den Nachfolger, weil er nicht mehr beweisen muss, dass er „anders“ ist, sondern weil er Wirksamkeit aufbauen darf. Entlastend für die Organisation, weil Verantwortung wieder verteilt wird. Und paradox auch entlastend für den Vorgänger, weil Loslassen nicht mehr als moralische Prüfung erlebt wird, sondern als Schritt in eine andere Rolle.

In meiner Erfahrung beginnt diese Entlastung dort, wo Erwartungen nicht zurückgewiesen, aber in eine andere Form gebracht werden. Wo man Hoffnung nicht beschämt, aber erdet. Wo man Anerkennung annimmt, ohne daraus einen Auftrag zu machen.

Das ist kein Satz für eine Folie. Das ist eine innere Arbeit, die im Alltag sichtbar wird. In kleinen Entscheidungen. In dem, was man übernimmt und was man bewusst nicht übernimmt. In dem Tempo, das man hält, auch wenn das Umfeld schneller „Ergebnisse“ sehen will.

Der Fehler wäre, das als Kälte zu verwechseln. Es ist das Gegenteil. Es ist Respekt vor dem System. Und Respekt vor der eigenen Endlichkeit.

Ein Übergang, der nur funktioniert, wenn der Nachfolger rettet, ist kein stabiler Übergang. Er ist eine Vertagung.

Zusammenfassung

Der Messias-Mechanismus ist in Nachfolgen verführerisch, weil er sich anfühlt wie Zuversicht. In Wirklichkeit ist er häufig eine Abkürzung, die später teuer wird.

Sobald ein Nachfolger zur Projektionsfläche wird, verändert sich seine Aufgabe. Er führt dann nicht mehr nur ein Unternehmen. Er trägt Sinn. Er trägt Hoffnung. Er trägt die unausgesprochenen Schulden aus der Vergangenheit. Und er wird zum Ort, an dem Entlastung stattfindet.

Das ist die eigentliche Überforderung. Nicht die fachliche Komplexität, nicht die Geschwindigkeit, nicht die Märkte. Sondern die Rolle, die das System ihm zuschreibt und die er annimmt, weil sie sich wie Verantwortung anfühlt.

Der Messias-Fehler in der Unternehmensnachfolge ist deshalb kein Charakterproblem. Er ist ein Strukturproblem. Ein Übergang wird instabil, wenn die Organisation Verantwortung nach oben delegiert und damit verhindert, dass Legitimität sozial wachsen kann.

Nachfolge gelingt nicht dadurch, dass jemand rettet. Sie gelingt dort, wo Verantwortung neu verteilt wird, ohne dass jemand dafür an Würde verliert.

Fazit

Ich hätte mir damals gewünscht, früher zu sehen, dass meine Stärke nicht im Retten lag, sondern im Begrenzen.
Nicht als Abgrenzung gegen Menschen, sondern als Schutz des Übergangs.

 

Frohes neues Jahr! Ich bin ein riesiger Fan der Dune-Bücher von Frank Herbert (Affiliate Link). Mittlerweile habe ich den kompletten Zyklus mehrfach gelesen. Was mir dabei oft auffällt ist, dass viele der Schemata sich gut auf aktuelle Themen übertragen lassen. Deshalb habe ich mir für den Start in 2026 vorgenommen, eine Serie zu schreiben, in der ich Dune als Meta-Modell für die Unternehmensnachfolge nutze. In diesem ersten Teil (von insgesamt sechs) beginne ich mit einem Thema, das zu Unrecht einen schlechten Ruf bekommen hat: Macht.

Einstieg

Die Unterschriften waren gesetzt, die Schlüssel übergeben, die Pressemitteilung war draußen. In den Gesprächen mit Kunden und Banken sprach man mich als „den neuen Geschäftsführer“ an, und ich merkte, wie schnell Menschen sich an eine neue Formel gewöhnen. Auf dem Papier war alles eindeutig.

Und trotzdem gab es Tage, an denen ich im eigenen Haus wirkte wie ein Besucher mit Zugangsberechtigung.

Nicht weil mir jemand offen widersprochen hätte. Es war subtiler. Entscheidungen, die eigentlich längst gefallen sein sollten, blieben „noch einmal zu klären“. Informationen erreichten mich spät oder gefiltert. Vereinbarungen wurden eingehalten – aber nur so weit, wie sie niemandem weh taten. Wer vorher an einer bestimmten Stelle angerufen hatte, tat es weiterhin. Manche Themen wurden gar nicht erst auf den Tisch gelegt, sondern in Nebensätzen abgefedert: „Das klären wir intern.“ Und irgendwann verstand ich: Es gibt eine formale Organisation, und es gibt die, die wirklich entscheidet.

In der Nachfolge ist das kein Ausnahmefall. Es ist der Normalzustand in Übergängen. Der Irrtum liegt nur darin, ihn als Kommunikationsproblem zu behandeln. In Wirklichkeit ist es ein Machtproblem – und zwar eines, das niemand gern so nennt.

Das Dune-Prinzip: Formale Herrschaft ist nicht Kontrolle

In Dune wird Macht nicht dadurch stabil, dass jemand einen Titel trägt. Titel sind eine Oberfläche. Entscheidend ist, wer Ressourcen kontrolliert, wer Abhängigkeiten organisiert und wer die Deutung dessen prägt, was „legitim“ ist.

Das Imperium hat einen Kaiser. Es gibt Institutionen, Regeln, Protokolle. Und es gibt einen Landsraad (eine Art aristokratisches Parlament), der die Interessen der Häuser bündelt. Dazwischen bewegen sich Akteure, die offiziell beraten, aber faktisch steuern. Macht entsteht nicht aus der Existenz eines Systems, sondern aus seiner inneren Statik: Wer kann wen isolieren, wer kann wen versorgen, wer kann wen oder was entziehen?

Das Prinzip dahinter ist nüchtern:

  • Macht ist die Fähigkeit, Entscheidungen durchzusetzen, nicht die Berechtigung, sie zu treffen.
  • Legitimität ist eine Ressource, die von Gruppen vergeben wird – und wieder entzogen werden kann.
  • Ein Machtwechsel ist selten ein Ereignis, sondern eine Phase, in der verschiedene Zentren gleichzeitig Einfluss beanspruchen.

Die Fiktion der „Übergabe“ suggeriert, dass Macht wie ein Gegenstand überreicht werden kann. Dune zeigt das Gegenteil: Macht hängt an Netzwerken, Gewohnheiten, Loyalitäten, Informationswegen und an der Angst vor Kontrollverlust. Das System kann ein neues Gesicht akzeptieren – ohne seine innere Logik zu verändern. Genau darin liegt die Gefahr: Formal wirkt alles ruhig, während sich die reale Ordnung nur minimal bewegt.

Wer Nachfolge in einem Familienunternehmen erlebt hat, erkennt dieses Muster sofort: Die entscheidende Frage ist nicht „Wer ist Geschäftsführer?“, sondern „Wer kann in diesem System etwas durchsetzen und warum?“

Übertragung auf Unternehmensnachfolge: Warum „Geschäftsführer sein“ nicht automatisch Wirksamkeit bedeutet

In der Unternehmensnachfolge wird gern über Übergabeverträge gesprochen, über Rollen, über Organigramme. Das ist nicht falsch. Es ist nur nicht der Kern. Der besteht daraus, dass in den ersten Monaten nach der formalen Übergabe treffen zwei Realitäten aufeinander.

Realität A: Die juristische.
Sie ist klar, überprüfbar, bankfähig. Sie benennt Zuständigkeiten, Eigentum, Haftung, Vollmachten.

Realität B: Die soziale.
Sie besteht aus Routinen, Beziehungen, impliziten Abmachungen und unausgesprochenen Regeln. Sie ist nicht weniger real – nur nicht dokumentiert.

Nachfolge scheitert selten daran, dass Realität A schlecht gemacht wurde. Sie scheitert daran, dass Realität B ignoriert wird, oder dass man glaubt, sie werde sich automatisch an die neue Realität A anpassen.

Informelle Entscheidungszentren sind keine „Störung“ – sie sind das eigentliche System

In vielen mittelständischen Unternehmen gibt es neben der formalen Hierarchie informelle Zentren, die über Jahre gewachsen sind:

  • ein Produktionsleiter, der „die Mannschaft“ hält und faktisch entscheidet, was möglich ist
  • eine Assistentin der Geschäftsführung, die die Informationsflüsse steuert, ohne es zu wollen
  • ein langjähriger Vertriebsleiter, der die Schlüsselkunden persönlich bindet und dadurch die Agenda setzt
  • ein Familienmitglied, das formal keine Rolle hat, aber bei Grundsatzfragen die Richtung bestimmt
  • ein externer Berater, der Vertrauen besitzt, das der Nachfolger noch nicht hat

Diese Zentren sind nicht per se schlecht. Oft haben sie das Unternehmen durch Krisen getragen. Sie sind Ausdruck dessen, was in der Vergangenheit funktioniert hat. Das Problem entsteht, wenn ein Nachfolger glaubt, dass mit dem Wechsel des Titels auch die Schwerkraft im System wechselt.

Sie wechselt nicht. Sie muss verschoben werden. Und das ist Arbeit, kein Ereignis.

„Macht“ klingt hart, aber die Alternative ist Naivität

Viele Nachfolger meiden den Begriff Macht. Er ruft Bilder hervor von Dominanz und Manipulation. In Familienunternehmen hängt daran zusätzlich Moral: Wer über Macht spricht, wirkt schnell „undankbar“ oder „machtbesessen“.

Aber im Übergang ist Macht eine sachliche Kategorie. Sie beantwortet Fragen wie:

  • Wer entscheidet wirklich, welche Themen Priorität haben?
  • Wer kann Veränderungen verzögern, ohne offen zu widersprechen?
  • Wer hat Zugang zu welchen Informationen – und wer nicht?
  • Wer definiert, was als „vernünftig“ oder „riskant“ gilt?
  • Wer wird in Konflikten als Schiedsrichter akzeptiert?

Wenn diese Fragen nicht gestellt werden, entstehen Missverständnisse, die sich persönlich anfühlen, aber strukturell sind. Der Nachfolger glaubt, es gehe um seine Kompetenz. Die Organisation reagiert auf eine Bedrohung ihrer inneren Ordnung.

Die häufigste Illusion: „Ich habe die Verantwortung – also habe ich die Kontrolle“

Das ist der Moment, in dem Nachfolge gefährlich wird: Wenn Verantwortung formal übertragen wird, Kontrolle aber sozial nicht. Dann entsteht eine asymmetrische Lage:

  • Der Nachfolger trägt Ergebnisverantwortung, aber kann entscheidende Hebel nicht bewegen.
  • Der Vorgänger hat offiziell losgelassen, bleibt aber faktisch Referenzpunkt.
  • Führungskräfte orientieren sich an dem, der am wenigsten Unsicherheit auslöst – und das ist selten der Neue.

In dieser Phase werden Dinge gesagt, die harmlos klingen, aber Macht markieren:

  • „Das haben wir immer so gemacht.“
  • „Bevor wir das ändern, sollten wir noch mal mit X sprechen.“
  • „Der Senior hat dazu eine klare Meinung.“
  • „Das muss in der Familie abgestimmt werden.“

Der Fehler wäre, das als Widerstand zu werten. Häufig ist es ein Versuch des Systems, Stabilität herzustellen. Nur: Diese Stabilität kann den Nachfolger handlungsunfähig machen und ihn in die Rolle drängen, die niemand offen ausspricht: Geschäftsführer ohne Durchgriff.

Was viele Übergaben übersehen: Legitimität ist nicht automatisch vererbbar

In Familienunternehmen wird Legitimität oft mit Eigentum oder familiärer Zugehörigkeit verwechselt. Beides kann den Zugang erleichtern. Aber Legitimität im Alltag entsteht anders:

  • durch Verlässlichkeit in kleinen Entscheidungen
  • durch konsistente Prioritäten
  • durch die Fähigkeit, Konflikte auszuhalten, ohne zu flüchten
  • durch das sichtbare Tragen von Konsequenzen

Das braucht Zeit. Und genau deshalb sind die ersten Monate so heikel: Die formale Legitimität ist sofort da, die soziale entsteht langsam. In der Zwischenzeit gewinnt das, was schon da ist. Informelle Machtstrukturen füllen das Vakuum.

Wenn man das nicht erkennt, kommt es zu typischen Eskalationen:

  • Der Nachfolger zieht an, das System bremst – und er interpretiert es als Illoyalität.
  • Der Vorgänger mischt sich „nur noch punktuell“ ein – und alle orientieren sich wieder an ihm.
  • Die Familie verlangt Ergebnisse – ohne zu verstehen, dass das System gerade um Macht ringt.
  • Der Nachfolger erhöht den Druck – und verstärkt damit die Abwehr.

Das Tragische daran: Nach außen wirkt es wie ein Führungsproblem. Intern ist es ein Macht- und Legitimitätsproblem.

Die unsichtbare Nebenbühne: Die Familie als institutionelles Machtzentrum

Im Mittelstand ist „die Familie“ oft keine private Kategorie, sondern eine Institution mit eigener Logik. Sie ist Eigentümerin, Identitätsstifterin, moralische Instanz – und manchmal auch Konfliktraum.

Nachfolger geraten hier in einen doppelten Spagat:

  • In der Organisation sollen sie entscheiden.
  • In der Familie sollen sie loyal sein.

Und Loyalität wird selten explizit verhandelt. Sie zeigt sich in Tonlagen, in Erwartungen, in kleinen Grenzüberschreitungen: der Anruf am Sonntag, die Nachfrage nach „deinem Plan“, der Kommentar zum „Auftreten“ gegenüber Mitarbeitern.

Wer das unterschätzt, versucht die Unternehmensführung mit formalen Mitteln zu stabilisieren und merkt nicht, dass die eigentliche Machtfrage in einem anderen Raum verhandelt wird.

Was ich rückblickend anders benennen würde

In meiner eigenen Nachfolge habe ich zu lange so getan, als ginge es um Entscheidungen. In Wahrheit ging es darum, wer das Recht hatte, Entscheidungen zu setzen.

Ich habe versucht, durch Sachlogik zu überzeugen. Das funktioniert in stabilen Systemen gut. In Übergängen reicht es nicht. In Übergängen zählt nicht nur, was richtig ist, sondern wer die Ordnung repräsentiert, in der „richtig“ definiert wird.

Das ist unbequem, weil es die romantische Vorstellung zerstört, Nachfolge sei im Kern eine Frage von Kompetenz und Fleiß. Kompetenz hilft, Fleiß auch. Aber sie ersetzen nicht die Arbeit am Machtgefüge: an Informationswegen, an Rollen, an Loyalitäten, an der Frage, wer in welchem Kreis wem verpflichtet ist.

Und noch etwas: Das lässt sich nicht delegieren. Der Nachfolger kann vieles delegieren – aber nicht den Aufbau von Wirksamkeit.

Zusammenfassung

Nachfolge wird oft als Übergabe erzählt: Vertrag, Schlüssel, Titel, Handschlag. Das ist eine notwendige Hülle. Aber die eigentliche Bewegung ist tiefer: ein Machtwechsel im System.

Macht in diesem Sinn ist keine moralische Kategorie. Sie ist die Frage, ob Entscheidungen Wirklichkeit werden. In der Nachfolge kollidieren formale und informelle Ordnung. Wenn diese Kollision nicht bewusst gesehen wird, entsteht ein gefährlicher Zustand: Verantwortung ohne Wirksamkeit.

Das ist der Punkt, an dem viele Nachfolger innerlich kippen. Sie arbeiten mehr, erklären mehr, kontrollieren mehr – und werden trotzdem nicht wirksam. Nicht, weil sie unfähig wären, sondern weil sie in einem System agieren, dessen Entscheidungszentren noch nicht neu sortiert sind.

Wer Nachfolge ernst nimmt, behandelt sie nicht primär als juristischen Akt, sondern als Phase struktureller und sozialer Neuordnung. Die Frage lautet dann nicht: „Ist die Übergabe erledigt?“
Sondern: „Wo liegt reale Macht – und wie verschiebt sie sich, ohne das System zu zerreißen?“

Fazit

Klarheit über Machtverhältnisse entsteht nicht aus Dokumenten. Sie entsteht in den ersten Monaten – in dem, was entschieden wird, was liegen bleibt und wer sich woran orientiert.

 

Wenn wir an Führungskräfte denken, passiert es nur allzuoft, dass wir eine exzellente Fachkraft vorm inneren Auge sehen. Allerdings entspricht das nicht der Realität. Und ob es sinnvoll ist, darüber kann man streiten.

Jeder fängt mal klein an

Führungskräfte fallen nicht fix und fertig aus irgendeiner Maschine. Das bedeutet, dass alle Fachkenntnisse, so wie bei jedem Menschen, eine Mischung aus Ausbildung und Erfahrung sind. Es schadet jedenfalls nicht, wenn eine angehende Führungskraft über die Expertise verfügt, sich mit dem Team inhaltlich austauschen zu können.

Allerdings denke ich nicht, dass es unabdingbare Voraussetzung ist. Wer immer nur die besten Fachkräfte zu Führungskräften macht, dem passieren gleich zwei Dinge: Erstens, man verliert gute Fachkräfte. Zweitens, man zwingt den Menschen ein Aufgabenspektrum auf, dass der Person nicht unbedingt liegt. Führung ist kein Nebengeschäft, sondern echte Arbeit. Sie erfordert eigene Skills, neue Fachkenntnisse abseits Produkt, Dienstleistung und Markt und vor allem Zeit, die Aufgabe ernsthaft wahrzunehmen.

Ein guter Werkzeugkasten ist das A und O

Wer gute Führungskräfte will, sollte sie nicht zum (bildlich gesprochen) Schweißerlehrgang schicken. Viel wichtiger sind aus meiner Sicht die sogenannten „Meta-Skills“, also Fähigkeiten, die unabhängig von Produkt oder Dienstleistung sind.

Ganz konkret sehe ich drei Bereiche, in die Firmen bei ihren Nachwuchsführungskräften zu Beginn deren Karriere investieren können und sollten:

  1. Kommunikation

Führung bedeutet extrem viel Kommunikation. Ob mit dem eigenen Vorgesetzten, Shareholdern, Kunden oder dem Team, junge Führungskräfte sind in vielen Gesprächen. Nur allzuoft werden sie ohne geeignete Werkzeuge reingeschickt. Natürlich gibt es Menschen, die ein Talent dafür haben – aber es schadet nicht, noch ein wenig mehr in petto zu haben. Ich habe einmal eine Nachwuchsführungskraft zum ersten Teil der Seminarreihe „Kommunikation und Führung“ vom Schulz-von-Thun-Institut geschickt. Bereut habe ich dabei höchstens, dass ich es nicht noch früher getan habe. Das Vier-Seiten-Modell und die vielen anderen realitätsnahen Beispiele, die in diesen Seminaren benutzt werden, geben einen viel besseren Blick darauf, was bei der Kommunikation zwischen Menschen passiert. Ein absolut unerlässliches Werkzeug für Nachwuchsführungskräfte. Ebenso haben wir, als gesamtes Team, die Transaktionsanalyse von einer Trainerin beigebracht bekommen. Auch diese war enorm hilfreich, um in nachfolgenden Gesprächen besser zu verstehen, was das jeweilige Gegenüber eigentlich warum erreichen möchte.

  1. Selbstorganisation

Wenn es Nachwuchsführungskräften an einem nicht mangelt, ist es Arbeit. In aller Regel sind sie auch noch im Tagesgeschäft unterwegs, und das neben der eigentlichen Führungsaufgabe. Damit sie dabei nicht den Überblick verlieren, wichtiges vergessen oder Deadlines verpassen, ist die Selbstorganisation ein unerlässlicher Skill. Welche Methodik oder welche Tools zur jeweiligen Person passen, ist sehr unterschiedlich. Aber ein paar Prinzipien, die ich auch schon hier beschrieben habe, sollten darin enthalten sein. Für die Etablierung und Umsetzung eines passenden Systems gibt es jede Menge Optionen. Entweder, man liest sich selbst durch Bücher und Internet, oder man investiert in einen entsprechenden Coach. Egal wie – den Überblick zu haben und zu behalten ist eine wichtige Aufgabe und sie beginnt bei einem selbst.

  1. Profilierungswerkzeuge

Mir ist klar, dass viele die Profilierung von Menschen ablehnen. In eine Schublade gesteckt zu werden gefällt niemandem. Das ist aber eigentlich auch nicht Sinn der Sache. Vielmehr sind Profilierungswerkzeuge ein Mittel, beobachtbares Verhalten und die Präferenzen einer Person zu erfassen und zu beschreiben. Es muss nicht in jedem Detail stimmen, aber dieses Werkzeug gibt Nachwuchsführungskräften eine wirksame und schnelle Methode, mit den Menschen im eigenen Team oder außerhalb gezielt zu arbeiten. Wer andere und deren Präferenzen besser versteht, kann sie viel besser in die gemeinsame Arbeit einbinden. DISG oder Insights sind ein toller Startpunkt dafür – auch hier am besten bei sich selbst starten. Wer andere führen will, sollte zuerst sich selbst gut verstehen.

Fazit: Meta-Skills sind wichtiger als Fachkompetenz

Auf lange Sicht zahlen sich diese Meta-Skills aus. Sie werden, im Gegensatz zu konkreten Fachkenntnissen, täglich genutzt. Zudem wird eine Nachwuchsführungskraft zunehmend mehr Zeit in der Führungsarbeit verbringen. Dementsprechend verkümmern und veralten fachliche Kenntnisse auch durchaus recht schnell.

Der Umgang mit Menschen allerdings, die absolute Kernkompetenz von Führung, ist etwas, was nie „außer Mode“ kommt, sondern immer wichtiger wird. Schließlich verlassen Menschen Unternehmen in aller Regel nicht wegen Geld, Projekten oder Titeln – sondern wegen Führungskräften.

 

Wenn Du Dein Team nicht nur behalten, sondern voranbringen möchtest, schau Dir mal mein Mentoring-Programm „Fit für die Nachfolge“ an. 

Bildquelle: Image by Sasin Tipchai from Pixabay

 

Die diesjährige Bundeskonferenz fand unter dem Motto „Meet the Business Monsters“ in Chemnitz statt. Chemnitz ist eine spannende Stadt mit reichhaltiger Geschichte. Dementsprechend gab es jede Menge Programm.

Auftakt mit Riesenmonstern

Der Welcomeabend war wunderbar mit der S-Bahn zu erreichen und direkt an einer Haltestelle gelegen. In einer alten Industriehalle wurden wir mit jeder Menge Grillgut, Pizzen und Getränken verköstigt. Zwei riesige Monster liefen durch den Raum und mit Musik und guter Stimmung starteten wir in die Konferenz.

Am Folgetag gab es eine gesunde Mischung aus Sport, Kultur, Trainings und Kulinarik. Wir hatten uns für die kulinarischen Spezialitäten der Region eingetragen und wurden mehr als beeindruckt. In einem alten denkmalgeschützten Pumpwerk lernten wir nicht nur viele Leckereien kennen, sondern auch einen beeindruckenden Unternehmer. Roland Keilholz war 30 Jahre zuvor aus Franken nach Chemnitz gekommen. Was mit einem Boardinghouse begann ist mittlerweile eine riesige Unternehmensgruppe mit Catering, Weinverkauf, Restaurant, Events und einem „Food in a Box“-Service. Seine Geschichte war hochinteressant, schade dass wir nicht mehr Zeit für tiefere Gespräche hatten.

Länderabend in der Fabrik

Abends gab es einen bunten Länderabend in der Fabrik, einem modernen Co-Workingspace und Firmensitz am Rande der Innenstadt. Nadine Meier und Julia Rieche wurden in der wunderschönen Rooftop-Bar mit der goldenen Ehrennadel der Wirtschaftsjunioren Deutschland ausgezeichnet. Daneben gab es jede Menge Leckereien, Konferenztickets und andere Goodies von allen Landesverbänden zu gewinnen, zu probieren und zu entdecken.

Im Caucus, einige Stunden zuvor, hatten sich die Kandidaten für den Bundesvorstand 2026 vorgestellt und einige interessierte Fragen bekommen.

Delegiertenversammlung und Gala als krönender Abschluss

Samstag war der Tag der Herbst-Deligiertenversammlung und der abschließenden Gala. In der modernen Stadthalle trafen sich Vertreter der WJ-Kreise und lauschten dem Tätigkeitsbericht des Vorstandes, unserer Arbeit innerhalb von JCI und wählten den Vorstand 2026. Das Team um Heiko Kösling und Svenja Köppe wurde ohne Gegenstimmen gewählt. Einige von uns gingen dann noch zum Lunch mit JCI-Präsident Keisuke, bevor es in die Vorbereitungen für den Abend ging.

Die Gala war, wie so oft ein Highlight der Konferenz. Bei wunderbarem Essen wurden nicht nur die Bundespreise und der von den Senatoren gestifteten Wachstumspreis (Glückwunsch an die WJ Bremerhaven sowie die WJ Wetterau!) verliehen, sondern auch zwei hochverdiente Senatorenehrungen durchgeführt.

Untermalt wurde das Event von Musik und einer tollen Sporteinlage mit Springseilen und Rollschuhen.

Auf nach Hamburg!

Traditionell ist es so, dass nach der BuKo vor der BuKo ist. Dieses Jahr ist keine Ausnahme – in 2026, wenige Monate nach der Senatorenkonferenz 2026 im Saarland, geht es in die Weltstadt Hamburg. Ich freue mich darauf!

 

Ein System zur persönlichen Produktivität ist, wie ich schon oft beschrieben habe, nicht nur etwas zutiefst persönliches. Es ist auch ein Werkzeug, das sich verändern darf. Software-Tools müssen aus meiner Sicht eh beliebig austauschbar sein – aber auch die Prinzipien des Systems können sich neuen Realitäten anpassen.

Ein Sabbatical – zumindest auf dem Papier

Nach dem Verkauf meines Unternehmens habe ich mein LinkedIn-Profil zunächst auf „Sabbatical“ gestellt. Das entsprach auch der Realität zum damaligen Zeitpunkt. Erst mal Urlaub, dann bekamen wir noch einmal Nachwuchs und das große Kind wechselte aufs Gymnasium. Es war also definitiv eine Zeit, die meiner Familie gehörte.

So ganz untätig sein liegt mir allerdings nicht. Insofern war es auch richtig, dass ich nach einer Aufräumaktion in meinem System immer noch einige Projekte hatte. Es gab im Haus jede Menge zu tun, dass in den Jahren zuvor liegengeblieben war, ich wollte mich mehr mit künstlicher Intelligenz beschäftigen und die Outline meines Buches, die schon seit zwei Jahren in meinen Notizen lag, endlich mal in ein fertiges Werk verwandeln.

Zunächst blieb ich, was mein Produktivitätssystem anging, beim Altbewährten. Jede Woche am Freitag lies ich die Woche Revue passieren, schrieb darüber in mein Tagebuch und plante die kommende Woche voraus. Allerdings ergab sich dabei ungewohnte Reibung im System. Immer, wenn etwas Mehrarbeit verursacht, die es vorher nicht gab, ist das ein Indiz, die eigene Methodik nochmal zu prüfen.

Das Leben verändert sich

Wer Kinder hat merkt, dass das Leben sich stark verändert. Meine Wochenplanung war auf dem Papier immer noch möglich. Aber in der Realität war sie meist schon am Montag obsolet. Kinder, insbesondere Babys, nehmen keine Rücksicht auf Deinen Plan, so ausgefeilt er auch sein mag.

Dementsprechend passierte es immer öfter, dass ich beim Weekly Review frustriert feststellte, dass die Woche zwar voll und anstrengend war, ich aber mit meinen Projekten und Aufgaben nicht voran kam. Das nahm ich zum Anlass, ein wenig auf Reddit zu schmökern und mir etwas Inspiration zu holen. Ein User hatte spannende Filter für Todoist gebaut, mit deren Hilfe er einen Workflow zur Aufgabendefinition vorgab. Von Priorisieren, über zeitliche Einordnung bis hin zum Aufräumen alter Einträge war alles dabei.

Nachdem ich die Filter nachgebaut hatte, dämmerte es mir: Die feste zeitliche Einordnung von Aufgaben passt nicht zu meiner aktuellen Lebensphase. Aber Prioritäten gibt es natürlich trotzdem. Basierend auf dieser Erkenntnis habe ich mein System umgebaut.

Prioritäten als Hauptkriterium und eine schlanke Projektliste

Neben den erwähnten Filtern, die nun als Favoriten für mein ebenfalls darauf angepasstes Weekly Review zur Verfügung stehen, habe ich auch meine Projektliste deutlich verschlankt.

Darin finden sich nun weiterhin meine Areas, meine Routinen und einige wenige unsortierte Listen, aber vor allem ein klassischer „Tickler“ gemäß GTD und einige wenige konkrete Projekte. Inhaltlich arbeite ich nun vor allem nach Priorität und lasse mir deshalb alle Ansichten, zum Beispiel die der heutigen Aufgaben, sortiert nach Priorität anzeigen. Wo es nötig ist, dass etwas an einem bestimmten Tag passiert, arbeite ich natürlich weiterhin mit fixem Datum. Es kommt aber nun deutlich seltener vor.

Alles in allem mache ich das nun seit etwa vier Monaten so und bin erst einmal zufrieden. Ich habe mich damit dem klassischen GTD wieder etwas mehr angenähert, kann flexibler auf sich ändernde Umstände reagieren und komme dennoch mit meinen Themen voran. Kurz gesagt: Wenn sich das Leben ändert, darf sich auch das System ändern!