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Dieser Tag auf dem 34C3 begann anders, als ich erwartet hatte. Ursprünglich wollte ich erst gegen 14 Uhr ins Vortragsprogramm einsteigen. Stattdessen bin ich spontan in eine Session zu Fake News und Social Bots gegangen – und bin dafür sehr dankbar!

Social Bots gewinnen Wahlen? Not really!

Michael Kreil hat sich die Mühe gemacht, mal der Behauptung, Social Bots und Fake News wären wahlentscheidend, nachzugehen. Dazu hat er sich mehrere Arbeiten von Wissenschaftlern angesehen sowie die Twitter-API strapaziert. Das Ergebnis ist mehr als überraschend und auch sehr deutlich. Genauer sind es eigentlich mehrere Ergebnisse:

    1. 1. Die Kriterien auch sehr renommierter Hochschulen (Oxford!) zur Identifikation von Social Bots sind Blödsinn. Sie wurden im Laufe des Vortrags widerlegt.
    1. 2. Bots sind durchaus teilweise zu erkennen – aber nicht anhand ihres immensen Einflusses. Ganz im Gegenteil, denn…
    1. 3. …gerade die Bots, die bei Wahlen aktiv waren, sind praktisch einflusslos. Teilweise nutzen sie sogar nur automatisiert die „Trending Topics“, haben einstellige Followerzahlen, etc.
    1. 4. Diejenigen Accounts, die von einigen Wissenschaftlern aufgrund der eigenen Kriterien als Bots markiert wurden, sind keine. Sondern Menschen, die einfach recht aktiv sind.
    1. 5. Fake News sind kein relevantes Thema für die Wahlen gewesen. Spannend auch die Frage nach Henne und Ei – würden die „Gegner“ von Fake News sie nicht aufgreifen und Gegendarstellungen schreiben, spricht einiges dafür, dass sie in der Filterblase der Anhänger dieser News geblieben wären.

Alles in allem ein unglaublich gelungener Vortrag. Unterhaltsam, klar, tolle Nutzung von Daten und grafischer Darstellung – das ist der Grund, warum ich hier bin! Golem.de hat auch schon darüber berichtet.

Man trifft sie überall: Die Saarländer

Auf dem Weg durch die Halle zuvor war ich übrigens mit einigen Jungs ins Gespräch gekommen. Wenige Meter später zeigte sich, dass sie die gleiche Anreise wie ich hatten. Herzliche Grüße an den Hackerspace Saarbrücken!
Im Anschluss an den ersten Vortrag konnte ich Fefe noch kurz danken. Sein Blog und der Podcast Alternativlos sind absolut empfehlenswert und für mich regelmäßige Lektüre und Unterhaltung. Dafür darf man sich auch mal bedanken.
Am frühen Nachmittag habe ich zwei Vorträge zum Thema Machine-Learning gehört. Bei beiden konnte ich nicht allen Aspekten folgen. Die Beispiele dafür, wie wichtig gutes Training und auch Hinterfragen von solchen „künstlichen Intelligenzen“ ist, waren jedoch beeindruckend.

Jahresrückblick des CCC: Dystopia

Vor dem, für mich als Außenstehenden auf jeden Fall obligatorischen, Jahresrückblick des Clubs kam ich im Laufe des Tages noch mit einem Vertreter des Vereins Digitalcourage ins Gespräch. War klasse sich auszutauschen, der Mitgliedsantrag war schnell ausgefüllt. Finde ich sehr unterstützenswert! Zudem gab es noch das neue Buch von Marc-Uwe Kling obendrauf.
Der Blick zurück auf 2017 klang dystopisch. WannaCry, Netzwerkdurchsetzungsgesetz, Vorratsdatenspeicherung, eID-Gesetz, Videoüberwachung mit Abgleich biometrischer Daten, PC-Wahl… es liest sich wie 1984 reloaded und potenziert. Es gab einige Lichtblicke. Ich fand das Projekt Chaos macht Schule sehr spannend und beeindruckend. Es ist im Prinzip das gleiche, wie wir bei den Wirtschaftsjunioren machen – an Schulen Wissen weitergeben, dass die Schüler sonst dort nicht bekämen und wir für wichtig halten. Mit allen Aussagen zu dem Projekt stimme ich allerdings nicht überein. Klar kann man es kritisch sehen, wenn Apple oder Google in den USA ganze Schulen ausstatten. Allerdings bringt das auch was, denn dort gibt es dann die beobachteten Mängel nicht mehr. Bei aller Überzeugung für möglichst offene und freie Systeme, das muss auch bezahlt werden. Wenn ich mich entscheiden müsste, meinen Schülern absolut wichtiges Wissen und Möglichkeiten vorzuenthalten, oder die notwendigen Dinge eben mit einem aufgedruckten Apfel zu bekommen… ich finde das, sehr richtige, Ziel sollte im Vordergrund stehen. Vielleicht wäre ja ein partnerschaftliches Modell eine Option.

Abendprogramm: Datenschutz und Überwachung

Die Themenschwerpunkte wiederholen sich ein wenig, wenn auch mit unterschiedlichen Ausprägungen. Nach einem Essen habe ich mir einen Talk zu Financial Surveillance angehört.
Es ist erschreckend zu sehen, welche Services Banken nutzen, um herauszufinden, ob sie mit einem Kunden Geschäfte machen wollen. Nun ergibt das ja auf den ersten Blick Sinn. Man denke ja nur an Geldwäsche. Aber in der Realität ist es viel stumpfer. Ein Mitarbeiter hackt 220 *detaillierte* (!) Profile pro Monat (!) in eine Datenbank. Darin dann Informationen wie beispielsweise Anschuldigungen aus Lokalzeitungen, oder Wikipediaartikel. Noch einmal auf der Zunge zergehen lassen: Dein Bankkonto hängt vielleicht davon ab, ob ein Mensch eine Stunde (denn wer nachrechnet, mehr hat er oder sie nicht) lang Deinen Namen gegoogelt und alles wie wild zusammenkopiert hat. Unglaublich.

Peter Schaar in Hochform

Den Abschluss des Tages bildete für mich der Vortrag des ehemaligen Bundesdatenschützers Peter Schaar. Seine klare Aussage: Die Überwachung schützt uns nicht. Sie schadet aber. Er belegt anhand der vergangenen Jahre, dass keine Maßnahme zu erhöhter Sicherheit oder dem Gefühl davon geführt hat – sie haben aber klar Rechte eingeschränkt. Das ist natürlich keine große Überraschung. Die Absurdität wird nochmal deutlicher, wenn man Zitate, Ereignisse und Personen korreliert und gebündelt sieht. Ich bedauere es, dass dieser Mann nicht mehr unser oberster Datenschützer ist.
Und noch ein Gedanke: Warum hängt es immer am BVerfG, verfassungskonforme Politik zu „machen“? Es würde doch wahnsinnig viel Zeit und Geld sparen, wenn man sich gleich ans Grundgesetz hält.

Vielleicht mache ich beim nächsten Call for Papers mit

Eine Sache, die mir auffiel, ist, dass ich als Unternehmer hier klar eine Minderheit bin. Es gibt aber eine sehr große Überschneidung mit den hier mehrheitlich vertretenen Werten. Über die Frage, wie sie in der Realität gelebt werden sollten, da gibt es sicherlich unterschiedliche Ansichten. Da fast alle internetaffinen Communities zu … nun ja … „deskriptiver Sprache und Positionierung“ neigen, ergibt sich eine tolle Chance für einen Talk. Einen Titel hätte ich ja schon „Head Off – Im Kopf des Feindes“. In dem könnte ich mal meine Beobachtungen als erstmaliger Besucher nutzen, um vielleicht eine Brücke zwischen Hackern und Unternehmern zu schlagen. Es gibt mehr Überschneidungen, als beiden Seiten bewusst ist.

Ich beginne das Schreiben dieses Artikels, sitzend, im Raum Adams im Leipziger Congresscenter. Es ist 10 Uhr, Ende Dezember. Vor mehr als sechs Stunden bin ich aufgestanden und in Kirkel losgefahren. Freie Straßen, die Anreise war angenehm.
Mit diesen Tagen erfülle ich mir einen alten Traum. Wie so viele wollte ich schon lange den Chaos Communication Congress (C3) besuchen – nur getan habe ich es nicht. Bis heute. In etwas weniger als einer Stunde geht es los. Der erste Eindruck: Die krasseste LAN-Party der Welt. Halle zwei sieht aus wie ein Nerdspielplatz. Für jemand, der die längste Zeit seines Lebens als solcher bezeichnet wurde, ist das eine ungewöhnliche Erfahrung. Ich bin hier vielleicht der „normalste“. Ich fühle mich, im besten Sinne, überfordert und freue mich auf die kommenden Tage. Immerhin, mit meiner bevorzugten Kleidung falle ich hier nicht auf. Dunkle Farben und Hoodies dominieren das Bild.

Der erste Tag

Nach der Eröffnung durch Tim Pritlove, der dabei oft den verstorbenen Wau Holland zu Wort kommen lässt, beginnt mein Programm. Die Themen, die 36 Jahre zuvor zur Gründung des CCC und den ersten Veranstaltungen führte, klingen vertraut. Leider auch die Kommentare – wirklich viel geändert hat sich leider nicht.
Ich besuche an diesem Tag mehrere Vorträge zu geheimdienstlichen Themen. Im ersten wird aufgezeigt, wie der britische Geheimdienst GCHQ eine Kombination aus Fake Profilen, einem URL Shortener und Proxyservern nutzte, um Einfluss (u. a. im Iran) zu nehmen und Informationen zu sammeln.
In der zweiten Session gibt es einen netzpolitischen Wetterbericht von Markus Beckedahl von Netzpolitik.org. Takeaway, bestes Zitat des Tages:
Internet of Things is when the toaster mines Bitcoins to pay off its gambling debt to the fridge. Klick um zu Tweeten
Der Bericht fällt, leider, nicht gut aus. Viele Dinge, vor denen gewarnt wurde, sind gekommen oder stehen bevor. Die Netzneutralität wackelt, das Leistungsschutzrecht ist immer noch da. Von NetzDG und dem (wie eben gemeldet) vorerst gescheiterten besonderen Anwaltspostfach ganz zu schweigen. Wenige Lichtblicke, einer davon der Wegfall der Störerhaftung. Beckedahl konstatiert, wenig überraschend, Nachholbedarf, insbesondere bei der Digitalkompetenz in Schulen. No surprises.

Science Talks

Danach hörte ich mir einen tollen Talk an, der anhand vieler Beispiele aufzeigte, warum unsere wissenschaftlichen Methoden und Messkriterien genauer angesehen werden müssen. Der Speaker beklagte (und belegte), dass Wissenschaft von einem Bias zu Gunsten „passender Ergebnisse“ dominiert ist. Er zeigte mit Hilfe eines selbstgeschriebenen Skripts, dass er mit Zufallsergebnissen auch tolle P-Werte erzielen kann. Somit sei P, und das dazu passende Veröffentlichen, kein gutes Kriterium mehr. Zudem kann der Wert durch „Trial and Error“ Ändern von Variablen im Versuchsaufbau massiv beeinflusst werden.
Lange Rede, kurzer Sinn: Echte Wissenschaft ist meist langweilig und produziert negative Ergebnisse. Nur werden diese nicht so gern veröffentlicht.
Ein guter Vorschlag, hier entgegen zu steuern, ist das vorherige Anmelden der Forschung nebst Versuchsaufbau bei entsprechenden Publikationen. Mit vorheriger Zu- oder Absage zur Veröffentlichung, unabhängig des Ergebnisses. Klingt für mich vernünftig.

Standing Ovations für Hans-Christian Ströbele

Mein Tagesabschluss war ein Gespräch zwischen Constance Kurz und Hans-Christian Ströbele zu den Abhörprogrammen der Geheimdienste. Nicht viel neues, was den Inhalt angeht. Aber noch einmal die klare und unmissverständliche Aussage, dass schlicht nichts passiert ist, obwohl bewiesen ist, dass wir alle abgehört werden.
Als amtierendes Mitglied des PKG muss Ströbele aufpassen, was er sagt. Er kämpfte dennoch leidenschaftlich dafür, sich nicht unterkriegen zu lassen. Sein Lohn, auch für viele Jahre Arbeit im Bundestag, waren standing Ovations des Publikums. Zitat des Tages:
Geheimdienste haben eine heilsame Angst vor parlamentarischer Kontrolle. Klick um zu Tweeten
Fun facts am Rande: Offiziell hat die Regierung bis heute Fragen an die USA offen. Ebenso die Entscheidung,  ob Snowden nach Deutschland reisen darf. Sechs Monate nach Abschluss des Untersuchungsausschuss. 🙂

Rest liegend

Nach der Pause habe ich drei weitere Vorträge im Stream geschaut. Ich war zu müde nach der langen Anreise. Der Versuch, Relativitätstheorie zu verstehen, ist nach wie vor gescheitert, obwohl Steine sehr anschaulich erklärt.